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Gedanken rund ums Leben – für mich und Dich und überhaupt

Sein Lächeln war das Glück

7 Kommentare

Beginnen wir mit dem Ort, an dem ich am liebsten bin, meinem Zuhause, das ist dort wo die Bäume traumschöne Alleen bilden und ich mich jeden Abend bei ihnen bedanke auf dem Weg durch das grüne Dach nach Hause. An diesem Ort jedenfalls steht jeden Morgen um 8.45 Uhr ein großer älterer Mann am Straßenrand. Er hat eine dunkle Hose und ein schwarz-weiß karriertes Sako an, darunter ein Hemd und er trägt dunkle Schuhe. Das Sako könnte besser sitzen, dachte ich mir des öfteren, es ist schade, so ein ungünstig sitzendes Sako an so einem freundlichem Mann, denn eines kann ich Dir sagen – ich verdanke diesem Mann so vieles! Und er weiß es nicht.

Erinnern wir uns, wie er dort steht, wie an jedem Morgen um 8.45 Uhr – am Straßenrand. Er möchte auf die andere Seite, denn dort ist eine Bushaltestelle, die ihn – so habe ich es stets hinzugemalt – zu einer Arbeitsstätte fährt. Er wartet einen Moment, lauscht – und hebt einen langen Stock in die Luft. Die Farbe des Stockes lässt Autos bremsen und Fremde helfen – die Farbe des Stockes ist weiß. Nachdem ich ewige Zeiten das Schauspiel kannte, geschah es eines Morgens, dass ich etwas früher aus dem Haus ging. Ich sah ihn dort stehen, er lauschte, hob seinen Stock, es kam kein Auto, doch das konnte er ja nicht sehen und so ging er los. Auf der anderen Seite des Bürgersteiges hob er den Fuß, um sicher ans Ufer zu gelangen – er verfehlte die Höhe – strauchelte und – fiel. Mit wenigen Sprüngen war ich da, griff ihm unter den Arm. Aus all seinen Poren spürte ich die Hilflosigkeit, seine Trauer, er entschuldigte sich, dass er fiel – allein das zu hören tat schon weh. Er war schwerer als ich vermutete hatte und es kam eine zweite Frau hinzu. Ich machte kleine Scherze, um ihn aufzumuntern, die Frau sah mich irritiert an – und in all dessen kam er mit Unterstützung von beiden Seiten wieder auf die Beine. Er bedankte sich so oft und entschuldigte sich immer wieder. Ich wollte seine Scham mildern und meinte, so hätte das Austehen heute morgen für mich wenigsten einen Sinn gehabt – ich meinte es nett und nicht böse, aber das ist wohl ein Humor, den ich mit mir alleine teile – die andere Frau schien indess den Glauben an mich verloren. Egal.

Das Geschehen beschäftige mich noch lange, allem voran seine innere Haltung. Und damit möchte ich nochmal an das Sako erinnern. Nun wusste ich, warum es so ungünstig saß. Der Mann hatte keinerlei Eigenspannung. Abgesehen von der, die ihn ihm Stehen und Gehen und vermutlich im Leben hielt. Er hatte so weiche Arme – zu weich für einen Mann seiner Größe und Art. Seine innere Weise hatte sich in der Form des Körpers eingefunden wie das schlußendlich wohl bei jedem Menschen auf die ein oder andere Art stattfindet. Und doch trug dieser Mann ein besonderes Licht. Denn jeden Morgen, wenn ich zur Arbeit fuhr, stand er unter dem Dach der Bushaltestelle – und lächelte. Er lächelte ein Lächeln in einer Weise, wie es nur jemand sieht, der die leisen Töne sucht im Leben – er lächelte der Sonne entgegen, die er nie sah, er lächelte den Vögeln entgegen, die für ihn sangen, und er lächelte auf eine Art, dass mir jedes mal anders wurde und es mich erinnerte an all den Reichtum in meinem Leben, an meine gesegnete Gesundheit, an die Menschen, die mich liebten, an die Geschichten, die ich erlebte, an die Verlässlichkeit meines Autos auf den Straßen – an all das und noch soviel mehr … in Bruchteilen von Sekunden … und wie durch Zauberhand kam ein Lächeln auf meine Lippen, ich fuhr an ihm vorbei in meinen Alltag … und so ging es jeden Tag der Woche. Ab und an kam es vor, dass der Bus schon fort war, was bedeutete, dass ich zu spät dran war und auch da dachte ich an ihn und sein Lächeln und fuhr meines Weges.

Nun – seit gefühlten drei Wochen – erscheint er nicht mehr. Ich bedachte – er hat vielleicht Urlaub. Er ist vielleicht krank. Und ich hoffte, lass ihm nichts passiert sein. Bis heute ist jeden Morgen die Straße leer ohne ihn und sein Lächeln – und ich habe mich nie bedankt.

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7 Kommentare zu “Sein Lächeln war das Glück

  1. Eine schöne Geschichte, gefällt mir sehr gut. 🙂

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  2. Vielleicht bekommst du noch die Möglichkeit ihm das zu sagen. Ich drücke die Daumen. Eine sehr schöne Geschichte!

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  3. Das war eine sehr schöne und bewegende Geschichte.❤️

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  4. Pingback: Er ist in Kur! | inerlime

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